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Das extreme Streben nach dem eigenen Ideal, die Illusion eines ultimativen Kicks durch mehr Sport kann problematische Auswirkungen haben. Heute geht es um die Kehrseite der Medaille und die Gefahren des Laufens.

Anfang 2000 fiel mir das Buch “Vom Junkie zum Ironman” von Andreas Niedrig in die Hände, einem der besten deutschen Langstrecken-Triathleten. Schon sehr lange begeistern mich wahre Geschichten von Menschen, die sportlich extreme Leistungen erbringen und sich von ganz unten, aus einem persönlichen Leiden heraus, nach oben trainiert und mehr als einmal gequält haben. Ein verbreitetes Phänomen – vor allem unter Männern.

Es sind immer aktuell bleibende, oft polarisierende Geschichten: In denen es von der Nadel, der Flasche, dem Glimmstängel oder dem kompulsiven Essverhalten in die Laufschuhe geht.

Niedrig gelang der Ausstieg aus seiner Heroinsucht. Und in nur drei Monaten Training schaffte er den Einstieg in eine andere Welt: Er brachte eine – basierend auf seiner Vorgeschichte – schier überirdische Marathonzeit von 2:43 Stunden auf die Strecke. Nach einer international erfolgreichen Triathlon-Karriere unterstützt er, dessen Leben verfilmt wurde, mittlerweile das Projekt “Traumwärts”, das „Menschen auf emotionale Weise anregen und unterstützen soll, persönliche Träume und Ziele umzusetzen„.

Der Unterschied zwischen Flow und Runner’s High

Niedrig kennt ganz offenbar beide Seiten. Die Sucht und den Flow. Der Flow ist ein Gefühl, dass der Psychologe Mihaly Csikszentmihaly als einen Zustand beschreibt, „in dem sich das Ego auflöst und die Zeit zu fliegen beginnt. Jede Handlung, jede Bewegung, jeder Gedanke folgt unausweichlich auf das Vorausgegangene. Das ganze Sein ist aufgesogen, und das Können auf die Spitze getrieben“.

Im Gegensatz dazu wird in der Läuferszene gern von einem Runner’s High (deutsch: Läuferhoch) gesprochen. Jedoch konnten Forscher bislang keinen Zusammenhang zwischen exzessivem Sport und freigesetzten Endorphinen herstellen – Rauschzustände können demnach nicht als unmittelbare Auslöser für eine Sportsucht gesehen werden.

Doch gerade beim Laufen ist es mitunter schwer auszumachen, wann von einer Sucht und wann von echtem Vergnügen gesprochen werden kann. Erstes Anzeichen einer Sucht könnte sein, wenn es jeden Tag ein bisschen mehr sein muss: Ein höherer Berg, das schnellere Tempo, der drangehängte Kilometer. Du kennst das?

Vielleicht kommen dir auch einige der folgenden Punkte bekannt vor:

  • Du verschiebst Termine oder erscheinst nicht zu Verabredungen.
  • Du flüchtest dich vor deinem Partner in Ausreden, Stress abbauen zu müssen.
  • Du läufst trotz Verletzungen weiter.
  • Du hast Schuldgefühle, das Laufen ist bereits zum Zwang geworden.
  • Freunde, Bekannte, Familie und Kollegen fragen besorgt nach deinem Befinden.
  • Du kannst dir nicht vorstellen, mal eine Woche nicht zu laufen.

Die Grenzen sind oft fließend. Aus der ursprünglichen Absicht, sich etwas Gutes tun zu wollen, kann das Laufen schnell auch zur Waffe gegen einen selbst werden.

Dann, wenn es gegen die Überzeugungen im Inneren ausgeübt wird: Nicht gut genug zu sein. Nicht schlank genug. Nicht stark genug. Nicht erfolgreich genug. Flow statt Sucht: Doch nur im Flow-Zustand ist man wirklich frei von dem Zwang, sich selbst kontrollieren und im Griff haben zu müssen.

Wann beginnt die Sucht?

Bin ich nun schon süchtig, wenn ich fünfmal pro Woche trainiere, aus Spaß und Freude an der Bewegung? Was verbirgt sich wirklich dahinter, wenn Menschen nicht mehr ohne können? Ohne Laufschuhe, ohne Dauertraining?

Knapp ein Prozent der Bevölkerung ist hierzulande von einer Sportsucht betroffen. Und gerade bei Läuferinnen ist die Tendenz dazu besonders groß, mal eben ein paar Pfunde schwinden zu lassen, etwa nach Schwangerschaften: Der Trainingserfolg ist schnell sichtbar, es hagelt Komplimente aus dem Umfeld, die eigene Motivation wird angefeuert.

Jeder Gedanke kreist plötzlich ums Training: Nur noch einen Lauf, ab morgen ändere ich das – Junkies geht es da nicht anders. Ein letztes Mal und dann ändere ich alles. Bis der nächste Tag herannaht und das Spiel von vorne losgeht. Bis die innere Stimme wieder ruft: „Ich muss. Ich kann nicht anders.

Je mehr ich laufe, umso mehr kann ich mich spüren und mich verbessern. Ich kann mir beweisen, dass ich doch gut genug bin“ – im Gegensatz zu der inneren Überzeugung, es eben nicht zu sein.

Blicken wir zurück auf den Ursprungsgedanken des Flow, der von Zwängen befreit und sich so ganz anders auswirkt als eine Sucht: Wie gut fühlt es sich an, sich gänzlich aus freien Stücken zu bewegen, den eigenen Körper zu spüren und die Umgebung zu genießen, ohne an die Schmerzgrenze zu gehen und sich verausgaben zu müssen? Sich nicht auf das Müssen zu fokussieren, sondern sich zu entscheiden, etwas aus Spaß zu tun und „ganz im Sein aufgesogen“ zu sein.

Dieser Zustand, in dem Körper, Geist und Seele in Einklang sind, ist jeden Schritt wert. Probiere es aus: Versuch´s mal mit Gemächlichkeit. Mit Freiheit, ohne Zwänge. Mit der höheren Absicht, diesen großartigen Sport auch im hohen Alter noch ausüben zu können.

Let it flow!

Hast du Erfahrungen mit Laufsucht und möchtest einen Aspekt teilen? Womöglich kannst du Betroffenen damit Mut machen, denn die Sucht nach dem Laufen ist nichts Erfundenes. Schreibe deine Meinung in die Kommentare.