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Als ich im Juni diesen Jahres am Start eines 63 km Ultramarathons stand, war das wilde Piepen der Uhren um mich herum nicht zu überhören. An meinem Handgelenk trug ich nur die selbstgemachten Perlenarmbänder meiner beiden Töchter, welche sie mir vor acht Jahren als Glücksbringer für einen Wüstenlauf bastelten und die ich seitdem zu jedem Wettkampf trage. Die Energie trägt mich bis über jede Ziellinie, so auch bei besagtem Rennen auf einen vorderen Platz.

Ich lief nach eigener Einschätzung meiner Kraft und konnte mich unabgelenkt auf alles konzentrieren, was in Kopf und Körper ablief.

 

Ich frage mich, wie oft Athleten verlangsamen, aufgeben oder gar abbrechen müssen, nicht auch zuletzt, weil die Uhr sie in die Schranken weist. Bloss nicht überpacen, den Puls übermässig in die rote Zone treiben. Sonst reicht es am Ende nicht.

Wo bleibt da das Vertrauen ins eigene Können? Mehr noch, wie können wir wieder zu mehr Selbstvertrauen in unsere Fähigkeiten gelangen und in den Flow kommen ohne den Druck oder gar das Pflichtgefühl, uns mitzuteilen auf sämtlichen social media Plattformen.

 

Alles wird getrackt, in Excel-Tabellen eingetragen oder die Trainingsergebnisse mittels einer entsprechenden App hochgeladen, dann schnell auf sämtlichen social media Kanälen geteilt.

Die Anerkennung ist einem da oft sicher. Ein gewisses Sicherheitsgefühl ist inklusive.

Falsch ist daran nichts. Ich erlebe es oft in meinem Alltag mit Ausdauerathleten, die ich auf ein Ziel hin begleite. „Lass´ heute den Pulsgurt weg. Und schaue nicht jeden Kilometer auf die Uhr. Vertraue auf dein Körpergefühl.“ Zunächst löst diese Aufgabe Staunen und Zweifel aus. Bringt das wirklich was?

 

Ein komisches Gefühl, sich mal nur aufs Sein zu konzentieren, den Körper neu wahrzunehmen, mitzubekommen, was im Kopf läuft. Training nach Gefühl. Laufen nach Gefühl. Nicht zu verwechseln mit dem Lustprinzip, sondern als Methodik mit System. die sich über viele Jahre immer wieder bewährt und tatsächlich zu mehr Erfolg führen kann. Wenn der Spass und die Leidenschaft im Sein wieder mehr in den Vordergrund rücken darf.

 

Garmisch-Partenkirchen, wo ich seit über einem Jahr lebe, wirbt mit dem tatsächlich englischen Slogan: Discover your true nature.

Der Aufruf, sich draussen in der Natur, umrahmt von hohen Gipfeln, anders zu erfahren, Freiheit zu geniessen, trifft wohl den Nerv der Zeit.

Wenig überraschend ist, dass sich jedes Jahr 30 000 Läufer auf die Ultradistanz wagen, Strecken jenseits der 42,195 Kilometer testen. Ein Nischensport mit Extremcharakter mutiert zum Breitensport. Da geht es nicht mehr nur um Durchschnitte, sondern oft zunächst um pures Ankommen, egal wie hoch der Puls schlägt oder ob gerade im idealen Bereich gelaufen wird.

 

Machen wir uns nichts vor. Die (Sinn)suche nach etwas anderem nicht unbedingt Greifbarem ist längst Trend geworden. Wo oft unbewusst die Flucht aus dem Alltag, dem Stresstrigger social media als Katalysator wirkt. Endlich mal abschalten können, die Probleme vergessen oder wegschieben und nichts tun müssen ausser zu sein.

Dem digitalen Fortschritt sei nichts abzusprechen, jedoch dem Kollektivzwang, sich überall mitteilen zu müssen und verschiedenste Geräte genutzt werden, um sich sicher zu fühlen.

Was gibt es Wahres zu entdecken? Die Besinnung auf die ursprüngliche Motivation. Mit social media hat das eher wenig zu tun.

 

1998, bei meinem ersten und letzten Strassenmarathon kam ich nach 4:30 Stunden ins Ziel, ganz schön erschöpft und mit meiner ersten Pulsuhr am Start. Wie verrückt beobachtete ich meine Werte, konzentrierte mich angestrengt aufs Piepen, musste das Tempo immer wieder zügeln. Die Uhr kann doch nicht lügen. Doch bedingt durch Aufregung vor und während des Laufes und eine relativ schlaflose Nacht war der Puls ohnehin oben. Die Werte also wenig aussagekräftig.

Bei km 35 rannte ich dann auch noch gegen die berühmte Wand am Checkpoint Charlie. Nichts ging mehr. Erst nach einer Massage schleppte ich mich die letzten sieben Kilometer mal laufend, mal gehend, mal wankend ins Ziel. Und ohne das Gepiepe meiner Uhr zu beachten. Ich kam auch so an.

 

Was hatte das ganze Training nach Uhr, die Werte sorgsam anhand einer Trainingsanalyse aufgestellt, gebracht? Nach diesem Erlebnis entschied ich mich für einen anderen Weg und bin seitdem treuer Anhänger der Run-by-Feel Methode. Meine GPS- Uhr erfüllt mittlerweile einen anderen Zweck.

Ist also mehr Erfolg tatsächlich durch eine digitale Kur möglich, um sich seiner wahren Stärken bewusst zu werden, der wahren Natur zu begegnen? Ich denke schon.

 

Probiere es aus. Lass´ dich ein. Heute mal ohne Uhr und Handy aufs Rad oder auf die Laufstrecke.